Die Flucht

Shaya din Cassaral zog die Kapuze ihres Umhangs noch etwas tiefer ins Gesicht, als sie aus der dunklen Gasse auf einen vom Mondlicht beleuchteten Platz trat. Es war bereits weit nach Mitternacht, und um diese Zeit waren selbst in der sonst so quirligen Hauptstadt von Rambun die Straßen wie ausgestorben. Ihre Schritte hallten auf dem gepflasterten Boden lauter als ihr lieb war.

Ihr Begleiter, ein junger Stallbursche aus dem Haushalt ihres Vaters, sprach kein Wort und warf immer wieder nervöse Blicke über seine Schulter. Shaya konnte es ihm nicht verdenken. Seit Tante Rhudina am Abend unerwartet aufgetaucht war und berichtet hatte, dass die Delegation der Zauberergilde einige Wochen früher als geplant bei Herzog Kardos eingetroffen war, überschlugen sich die Ereignisse.

Mit den Männern in den schwarzen Mänteln war nicht zu spaßen.

Sie waren auf der Suche nach Hexen.

Nach Hexen, wie sie eine war.

Sie überquerten den Platz zügig und bogen in eine noch schmalere Gasse ein. Unrat häufte sich hier auf beiden Seiten. Dies war keine Gegend, in die Shaya unter normalen Umständen freiwillig einen Fuß gesetzt hätte. Es stank nach ranzigem Fett, verfaulten Küchenabfällen und menschlichen Exkrementen. Sie legte ein Tuch über Mund und Nase, aber es half wenig.

„Dort drüben ist es, Mylady.“ Lennar streckte den Arm aus und deuteteauf ein schmales Haus mit windschiefen Balken. „Dort bei den drei Stufen.“

Sie nickte. „In Ordnung. Warte, bis ich drin bin. Und dann geh nach Hause und erstatte meinem Vater Bericht.“ Sie war nicht wild darauf, ihn zurückzulassen und allein weiterzugehen. Wenn sie ehrlich war, fürchtete sie sich ein wenig vor dem, was sie in diesem Haus erwartete. Aber sie war eine Baronesse und konnte sich eine solche Schwäche nicht anmerken lassen.

„Mögen die Götter Euch beschützen.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Das werden sie sicher, Lennar. Mach dir keine Sorgen um mich.“

Sie hatte diesen Tag kommen sehen, die Gerüchte kursierten bereits seit Längerem. Der Herzog hatte den Plan gefasst, ganz Rambun hexenfrei zu machen und alle Mädchen und jungen Frauen zwischen zehn und zwanzig Jahren einem Test zu unterziehen. Oh, es gab Möglichkeiten zur Täuschung, bestimmte Kräutertränke konnten das Satar für einige Zeit lähmen und verschleiern, und erfahrene Hexen konnten Techniken erlernen, die Sensorfelder zu täuschen. Aber das alles kam für sie nicht in Betracht. Ihr Satar war zu mächtig.

Seit Tagen schon war alles für ihre Flucht vorbereitet, die Taschen gepackt, die Route festgelegt und die Vorbereitungen für die Geschichte getroffen, die ihr plötzliches Verschwinden erklären sollte. Für alle außer ihren Eltern und Geschwistern würde die jüngste Tochter des Barons dan Cassaral an den roten Pocken sterben und auf dem Landsitz der Familie begraben werden.

Nun jedoch geriet der sorgsam ausgearbeitete Plan ins Wanken. Jeden Moment konnten die Suchtrupps der Gilde an ihre Tür klopfen, und sie musste Hals über Kopf ihr vertrautes Zuhause verlassen. Der Gedanke an das, was sie zurücklassen musste, versetzte ihr einen Stich. Sie wusste nicht, wann sie ihre Familie wiedersehen würde, und ob überhaupt jemals. Es war keine Zeit für lange Abschiede geblieben.

Energisch schüttelte sie die Erinnerung ab, bevor die Wehmut sie überwältigen konnte. Sie musste nach vorn blicken. Tante Rhudina hatte ihr diese Adresse gegeben. Hier würde sie Hilfe finden. Der Hexenrat war gut organsiert und würde sich ihrer annehmen.

Entschlossen legte sie die letzten Schritte zurück, stieg die Stufen hoch und betätigte den Türklopfer.

Schritte schlurften heran, und dann öffnete ihr eine ziemlich dicke Frau mit strähnigen Haaren und einer schmutzigen Schürze. Sie sagte kein Wort, zog sie hinein in einen schlecht beleuchteten Eingangsraum und drückte die Tür dann schnell wieder zu.

„Du kommst spät.“

„Ich bin so schnell hergekommen, wie es ging“, rechtfertigte sie sich unbehaglich. Der unfreundliche Empfang war nicht das, was sie erwartet hatte. War das etwa ihre Kontaktperson?

„Komm mit!“ Die Alte nahm eine Lampe und ging voran in eine spärlich eingerichtete Stube. Am Tisch saß eine kleine, rundliche Frau mittleren Alters mit hochgesteckten Haaren.

Sie nahm ihren Mut zusammen. „Lady Sarah?“

„Ja, die bin ich.“

„Ich bin Shaya din Cassaral.“

Die Frau schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und stand auf, um sie zu begrüßen. „Rogulus sei Dank, dass dich unsere Nachricht noch rechtzeitig erreicht hat. Besser, du vergisst diesen Namen, mein Kind. Deine Familie ist zu bekannt. Von nun an bist du Raya, die Tochter meiner verarmten Cousine aus Barghol.“ Sie deutete aufeinen der Stühle. „Setz dich erst mal und trink einen Tee mit mir.“

Shaya nahm etwas zögerlich an dem nicht sehr sauberen Tisch Platz und Sarah goss ihr eine Tasse dampfend heißen Peckabeerentee ein. Sie versuchte, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen, als sie sich in dem halbdunklen Raum umschaute. Huschte da etwas durch die Schatten neben dem Schrank?

„Warum habt Ihr ausgerechnet in dieser Gegend der Stadt Quartier bezogen?“ Der allgegenwärtige Gestank der Straße stach ihr auch hier drin noch in die Nase.

„Einfache Leute fallen oft weniger auf. Niemand interessiert sich für sie oder schaut genauer hin. Aber natürlich können sie sich kein teures Gasthaus leisten, das würde sofort Aufsehen erregen. Wir werden uns anpassen müssen. Und Ella hier ist eine alte Bekannte, sie ist zuverlässig und verschwiegen.“

Shaya wappnete sich innerlich, während sie einen Schluck von ihrem Tee nahm. Sie war entschlossen zu überleben und zu tun, was immer dazu notwendig war, auch wenn es bedeutete, die Nacht mit Ratten und Kakerlaken zu verbringen. „Wie geht es nun weiter?“

„Wir werden Tralis noch in dieser Nacht verlassen“, verkündete Sarah ihr. „Es gibt bereits erste Durchsuchungen. Es ist riskant, auch nur eine Stunde länger zu bleiben.“

Shaya warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Mitten in der Nacht? Aber um diese Zeit sind die Stadttore geschlossen.“

„Mach dir darüber keine Gedanken. Es gibt immer Mittel und Wege.“

Sie war nicht überzeugt. „Die Wachen werden sicher Fragen stellen. Und was, wenn mich jemand erkennt?“

„Die Kleine hat recht, es ist zu gefährlich“, mischte sich Ella mit schnarrender Stimme ein. „Wartet, bis der Tag anbricht. Es ist Markt, die Wachen werden alle Hände voll zu tun haben, sich auf die zu konzentrieren, die nach Tralis hineinwollen.“

Nun runzelte Sarah die Stirn in Richtung der Alten. „Du solltest dem Mädchen nicht unnötig Angst machen.“ Dann schenkte sie Shaya erneut ein zuversichtliches Lächeln. „Nur keine Sorge, meine Liebe, es gibt Möglichkeiten, die Stadtwache davon zu überzeugen, in eine andere Richtung zu schauen. Und ich kenne genug Offiziere der königlichen Armee, die mir noch etwas schulden.“

Shaya war nicht beruhigt. „Und was ist mit der Straße? Ist es denn nicht gefährlich, mitten in der Nacht allein unterwegs zu sein?“ Man hörte genug Geschichten von Räuberbanden und Gesindel, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Ihr Vater ließ die Frauen seines Haushalts niemals in der Dunkelheit allein reisen.

Sarahs Miene bekam einen grimmigen Ausdruck. „Ich bin eine Hexe, mein Kind. Und wer denkt, mich ungestraft überfallen zu können, wird schnell herausfinden, dass das keine sehr gute Idee ist. Nicht alle von uns sind so zögerlich wie deine Tante Rhudina, wenn es darum geht, die Gabe des Satar auch einzusetzen, wenn es nötig wird.“

Shaya erwiderte nichts. Meine sie das etwa ernst? Würde sie tatsächlich Magie gegen einen anderen Menschen richten? Das war undenkbar! Jede Art von Magie war streng verboten, wenn die Gefahr bestand, dass Außenstehende etwas davon bemerken konnten. Aber gar jemanden anzugreifen ...

Sarah bemerkte ihre Reaktion. „Über eines musst du dir klar werden, Kind. Bisher hast du ein sehr behütetes Leben geführt. Damit ist nun Schluss. Die harte Realität sieht anders aus. Noch bist du zu jung, dein Satar zu beherrschen, aber früher oder später wirst du lernen müssen, dich deiner Haut zu wehren.“

„Aber was ist mit dem Risiko, entdeckt zu werden?“

Sarah zuckte die Achseln. „Die meisten Leute sind sehr abergläubisch. Wenn du ihnen erzählst, dass du sie verfluchen wirst und dass ihr Vieh tot umfällt und die Frucht ihres Ackers verfault, wenn sie ein Sterbenswort verraten, dann glauben sie es und schweigen lieber.“

„Oh.“ Shayas Gedanken überschlugen sich. Das war gegen alles, an das sie bisher geglaubt hatte. Und sie war plötzlich nicht mehr sicher, ob sie bei dieser Frau wirklich in guten Händen war.

„Ich sehe, du hast nur leichtes Gepäck dabei“, wechselte Sarah das Thema. „Das ist gut, ich hoffe, es ist nichts darunter, das deine Identität verraten würde. Ich habe Ella gebeten, uns Proviant und Reisekleidung zu besorgen. Wir nehmen die östliche Straße Richtung Tern.“

„Tern?“ Shaya schaute etwas alarmiert auf. „Aber ich dachte, wir gehen nach Norden!“

„Der Plan hat sich geändert. Im Norden ist es nicht sicher. Rambun ist nicht die einzige Region, in der es Razzien und Verfolgung gibt. Ich werde dich nach Yul bringen.“

Yul! Sie brauchte einen Moment, um diese Information zu verdauen. Die Grafschaft war derart abgelegen, dass sie schon fast nicht mehr zum Königreich Yarath zu gehören schien. „Das ist weit weg.“

Sarah lächelte. „Weiter weg von Igor dan Padrash und seinen Häschern. Aber so weit auch wieder nicht. Du wirst sehen, es wird dir dortgefallen.“

Shaya bezweifelte es. Aber ihr blieb keine Wahl, als Sarah zu vertrauen.

Kaum hatte die Nachtglocke zwei geschlagen, stand Sarah auf. „Trink deinen Tee aus. Bald findet der Wachwechsel statt, dann sollten wir am Tor sein.“ Sie nahm ihren Mantel und einen großen Rucksack und reichte Shaya einen Proviantbeutel, den sie sich über die Schulter schlingen konnte.

Sie verabschiedete sich kurz von Ella, und dann ging es wieder hinausin die stillen Gassen.

„Falls uns jemand ansprechen sollte, stell dich dumm und überlass mir das Reden.“

Shaya runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Schweigen und sich unauffällig verhalten, darin hatte sie es inzwischen zur Meisterschaft gebracht. Seit ihrer frühesten Kindheit war ihr eingetrichtert worden, bloß nicht durch allzu kluge Bemerkungen aufzufallen. Zwar war es gerade für adelige junge Damen nicht verboten, lesen und schreiben zu lernen und eine gewisse Bildung zu erhalten, aber die Gilde blieb misstrauisch, und wer die falschen Bücher las oder gefährliches Wissen offenbarte, der geriet schnell in ihr Visier.

Sarah führte sie noch tiefer ins Südviertel, wo die Schlachter, Gerber und Talgzieher ihr Revier hatten. Es war eine Gegend, die niemand freiwillig betrat, wenn er dort nicht Geschäfte zu erledigen hatte. Selbst jetzt, mitten in der Nacht, stiegen übelriechende Dampfschwaden aus zahllosen Kesseln und Schornsteinen empor, und ein zäher Nebel hielt sich zwischen den ärmlichen Häusern. Durch steinerne Rinnen in der Mitte der Gassen flossen stinkende Abwässer.

Es war fast vollkommen dunkel, nirgendwo brannte eine Laterne, und der Mond stand bereits tief am Horizont. Lediglich ein paar Sterne funkelten über ihnen am kalten März-Himmel. Shaya sah kaum die Hand vor Augen und musste aufpassen, nicht über Abfallhaufen zu stolpern oder gegen Mauervorsprünge zu stoßen.

Sie versuchte, sich an Sarah zu halten, aber das war gar nicht so leicht, denn ihre Begleiterin war kaum mehr als ein vager Schemen in der Nacht. Die unbekannten Geräusche rings herum ließen sie ein paarmal zusammenzucken. Sarahs weiche Ledersohlen erzeugten kaum einen Laut auf dem Straßenpflaster, aber in der Stadt wurde es nie völlig still. Von irgendwoher drang ein Schnarchen aus einem der Häuser. Ein Stück weiter klapperte etwas in der leichten Brise. Was war das für ein Scharren gleich neben ihr?

Sie ging etwas schneller und schickte ein Stoßgebet zu Rogulus. Dies war kein Ort, an dem sich ein junges Mädchen mitten in der Nacht aufhalten sollte. Sie wünschte sich zurück in die Sicherheit ihres heimischen Bettes. Aber im selben Moment wurde ihr bewusst, dass es diese sichere Zuflucht nicht mehr gab. Du musst nun erwachsen werden, hatte ihr Vater ihr zum Abschied gesagt. Erst ganz allmählich verstand sie, was das wirklich bedeutete.

Wieder hörte sie ein Rascheln ganz in ihrer Nähe. Bange Sekunden verstrichen, bevor sie die Laute richtig einordnen konnte. Etwas fauchte. Nur eine aufgeschreckte Katze, die wohl auf der Jagd nach einer der zahllosen Ratten in diesen Gassen war. Ein paar glühender Augen eine Handbreit über dem Boden starrte sie kurz an und war dann wieder verschwunden. Sie atmete auf.

Sarah blieb von all dem unbeirrt. Ein paar mal bog sie unvermutet ab, und Shaya hatte längst die Orientierung verloren, aber offenbar kannte ihre Begleiterin den Weg genau und führte sie zielstrebig zum kleinsten der vier Stadttore von Tralis. Sie konnte die beiden mächtigen, hölzernen Torflügel auf der anderen Seite der Straße gut erkennen, denn am Wachhaus gleich nebenan brannte eine Laterne.

Natürlich war es geschlossen und verriegelt. Sarah schien zu zögern. Dann hörte Shaya Schritte ganz in ihrer Nähe und erschrak. Es waren schwere Militärstiefel, die über das Straßenpflaster hallten. Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit einer Nebengasse und trat auf sie zu. Shayas Herz machte einen Satz, als sie die Uniform erkannte. Ein Armeeoffizier!

„Ihr kommt spät.“ Die dunkle Stimme verriet einen Hauch Nervosität.

„Und wenn schon? Nun sind wir ja hier.“ Sarah schien die Ruhe selbst.

„Es ist kein guter Tag für Euer Vorhaben, es sind Gildenleute in der Stadt, und sie haben ihre Augen überall. Ihr solltet Eure Pläne ändern.“

„Das kommt leider nicht in Frage, Leutnant“, erwiderte Sarah bestimmt. „Ich habe es eilig. Wir bleiben bei dem, was wir besprochen hatten.“

Auch im schwachen Licht der weit entfernten Lampe war das Unbehagen des Mannes kaum zu übersehen.

„Sie führen eigene Patrouillen durch. Erst vor einer Stunde war ein Zauberer hier, um nach dem Rechten zu sehen. Das macht meine Männer nervös. Wenn einer von ihnen Verdacht schöpft und ungewöhnliche Vorkommnisse meldet, werden die Verfolger Euch direkt auf den Fersen sein, und mir geht es an den Kragen.“

„Nur die Ruhe. Niemand wird uns bemerken. So lange Ihr die Nerven behaltet, kann überhaupt nichts schief gehen.“

Der Offizier schüttelte den Kopf. „Ich kann das Risiko nicht eingehen. Kommt morgen bei Tag wieder.“

Shaya wusste nicht recht, was sie denken sollte. Sie fürchtete, dass der Mann recht hatte und sie erwischt wurden. Vielleicht war es wirklich besser zu warten? Ella hatte das auch gesagt. Aber gleichzeitig wusste sie, dass es auch in der Stadt nicht sicher war. Dort, hinter dem Tor, nur ein paar Schritte entfernt, wartete die Freiheit auf sie. Sie warf einen unsicheren Blick auf Sarah. Was sollten sie nun tun?

Wenn die Hexe irgendeine Unsicherheit verspürte, ließ sie sich davon nichts anmerken. „Wir haben in der Vergangenheit immer gut zusammengearbeitet, Leutnant. Und es war nicht zu Eurem Schaden. Ihr möchtet doch diese lukrative Geschäftsbeziehung sicher nicht aufs Spiel setzen. Zumal ich Euch daran erinnern muss, dass Ihr mich und meine Freundinnen nicht zum Feind haben wollt.“

In der Dunkelheit war die Mimik des Mannes nicht genau zu erkennen, aber seine Stimme klang gepresst, als er schließlich antwortete. „Nun gut. Wartet hier. Kommt nach, sobald ich die Wachen weggeschickt habe.“

Er verschwand Richtung Wachstube.

Shaya schaute ihm nach. „Können wir ihm trauen?“

„Man traut besser keinem Mann“, gab Sarah grimmig zurück. „Aber ich denke nicht, dass er uns verraten wird.“

Es dauerte ein paar Minuten, bis sich erneut etwas regte. Die Tür der Wachstube öffnete sich und mehrere Wachsoldaten kamen heraus. Zwei gingen nach links, die anderen beiden folgten der Straße nach rechts. Schon bald waren sie außer Sicht.

Sarah setzte sich in Bewegung. „Komm!“, forderte sie Shaya auf. „Beeilen wir uns lieber und verschwinden, bevor sie zurückkommen.“

Ihr Herz klopfte heftig, als sie die freie Fläche überquerte. Was, wenn jemand sie aus einem der zahlreichen Fenster beobachtete? Oder oben vom Wehrgang, wo auch regelmäßig Wachen patrouillierten? Jeden Augenblick rechnete sie damit, dass jemand Alarm schlug. Etwas atemlos erreichte sie schließlich das Wachhaus und drückte sich in eine schattige Nische.

Nur einen Moment später öffnete sich die Tür und der bärtige Offizier trat heraus, in der Hand ein Bund mit Schlüsseln und eine Lampe. Der Lichtschein fiel für einen Augenblick auf sein Gesicht. Shaya kannte ihn nicht. Sie hatte nicht allzu viel Kontakt zu den Offizieren der königlichen Armee. Er musterte sie ebenso mit unverhohlener Neugier, und sie zog unwillkürlich die Kapuze ihres Umhangs etwas tiefer ins Gesicht. Es war nicht auszuschließen, dass er sie erkannte, vielleicht von einem Fest im Herzogspalast, wo er zum Wachdienst eingeteilt gewesen war.

Falls ja, verriet er es nicht. Er näherte sich dem Tor und steckte einen seiner Schlüssel ins Schloss der schmalen Schlupftür, die es erlaubte, einzelne Personen hinauszulassen, ohne die massiven Torflügel zu bewegen. Gleich darauf öffnete sie sich mit einem leisen Knarren.

„Bleibt zurück, ich schaue nach, ob die Luft draußen rein ist!“

Er verschwand, und einige bange Augenblicke verstrichen.

„He! Ihr da!“

Die Stimme kam von hinten.

Shaya fuhr herum.

Ein Wachsoldat! Er war allein, wirkte jedoch alarmiert, die Hand an seinem Schwertgriff. „Wer seid ihr? Und was tut ihr hier um diese Zeit?“

Sarah wandte sich zu ihm um und ging ein paar Schritte auf ihn zu. „Rogulus sei Dank, dass er dich geschickt hat, guter Mann! Wo sind denn die anderen Wachen?“ Sie schaute sich suchend um, als vermutete sie, dass sich die Soldaten irgendwo in einem Winkel hinter dem Wachhaus versteckt hatten.

Was hatte sie vor?

„Bleib stehen, Weib!“ Der Mann musterte sie mit sichtlichem Misstrauen.

„Bitte, Herr Soldat. Ich brauche Hilfe, aber im Wachhaus ist niemand!“ Siewirkte plötzlich ängstlich und besorgt.

„Hilfe? Wobei denn?“

Sarah entfernte sich ein paar Schritte von Shaya und zeigte dann mit dem Finger auf sie. „Dieses Mädchen ist eine Hexe!“, behauptete sie dann mit verschwörerischer Stimme, ihr Gesicht von Hass verzerrt. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie die Schweine des Schankwirts verhext hat, so dass sie gestorben sind.“

Shaya war so perplex, dass sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte.

Dem Soldaten ging es offenbar nicht viel anders. Sein Blick wechselte unsicher zwischen ihr und Sarah hin und her.

„Ich habe sie hierher gelockt, damit ihr sie festnehmen und der Gilde übergeben könnt, aber es ist niemand da.“ Sarah machte zwei weitere Schritte und fasste den Mann hilfesuchend am Arm, ohne Shaya aus den Augen zu lassen, so als wäre sie ein gefährliches Raubtier. „Du musst mir helfen, sie zu packen, bevor sie auch uns verhexen kann!“

Der Mann war offensichtlich mit der Situation überfordert. „Ich weiß nicht, ich ...“ Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment legte ihm Sarah ihre Hand auf die Brust. Ein blaues Knistern war alles, was von dem magischen Blitz zu sehen war. Er sank zu Boden wie ein Sack.

Shaya traute ihren Augen nicht. Hatte sie das wirklich getan? Für einenMoment war sie vor Schreck wie gelähmt.

„Los, steh nicht rum, hilf mir, ihn hineinzuziehen, bevor ihn jemand sieht.“ Die rundliche Frau stieß die Tür des Wachhauses auf und packte den bewusstlosen Wachmann an den Füßen.

Shaya erwachte aus ihrer Starre. Mit vereinten Kräften schleppten sie den Soldaten in die Stube. Er war ziemlich schwer.

„Was tun wir denn jetzt?“ Ein leichter Anfall von Panik schlich sich in ihre Stimme. Sobald man den Soldaten fand, würde die Gilde wissen, dass hier Magie im Spiel gewesen war.

„Er wird eine Weile bewusstlos sein, aber sobald seine Kameraden zurückkehren, werden sie Alarm schlagen. Wir müssen uns beeilen.“

Die Tür öffnete sich.

„Wo sei... bei Sabarus! Was ist denn hier passiert?“ Der Offizier der Wache wurde bleich, als sein Blick auf seinen reglosen Kameraden fiel.

„Kleine Planänderung. Setzt Euch.“ Sarah bugsierte den perplexen Mann zum nächsten Stuhl. „Verzeiht mir, aber Ihr werdet es mir später danken.“ Ein Blitz fuhr aus ihren Fingern. Die Augen des Offiziers weiteten sich entsetzt, dann sackte er zusammen.

Sie schnappte sich das Schlüsselbund, packte Shaya an der Schulter und schob sie zur Tür.

„Warum habt Ihr das getan?“

„Auf diese Weise wird man ihn nicht verdächtigen. Ich will nicht, dass er festgenommen wird, Leute wie er können auch in der Zukunft noch einmal von Nutzen sein. Diese zwei aufrechten Männer des Königs wurden von Hexen getäuscht und überwältigt, wir haben ihre Schlüssel gestohlen und sind damit entwischt.“

Draußen rührte sich nichts. Die kleine Tür im großen Torflügel war nur angelehnt. Sobald die beiden hindurch waren, schob Sarah sie ins Schloss, erzeugte eine magische Leuchtkugel und probierte dann einige der Schlüssel aus, bis sie den passenden fand.

Shaya stand nervös daneben. Alles in ihr drängte danach, zu rennen. Jeden Moment konnte der Alarm losgehen.

Sarah ließ den Schlüssel quer im Schloss stecken. „Wenn wir Glück haben, was das das einzige Schlüsselbund im Wachhaus, und sie werden eine Weile brauchen, um hier durchzukommen“, erklärte sie dabei. Dann gab sie ihrer kleinen Leuchtkugel einen Stoß, so dass sie durch den Tunnel schwebte und den Weg zum äußeren Tor erhellte.

Eine letzte Tür zwischen ihr und der Freiheit. Und sie stand offen.

Draußen wehte ein kalter, scharfer Wind. Die schlecht befestigte Straße war kaum mehr als ein sandiger Streifen, der sich im schwachen Licht der Sterne vor ihnen abzeichnete, umgeben von Wiesen und niedrigem Gebüsch.

Shaya warf einen letzten Blick auf die Mauern der Stadt.

Sie waren draußen. Aber noch waren sie nicht entkommen.