Die Flucht

Shaya und ihr Begleiter Lennar unterwegs in den nächtlichen Straßen von Tralis.

Shaya din Cassaral zog die Kapuze ihres Umhangs noch etwas tiefer ins Gesicht, als sie aus der dunklen Gasse auf einen vom Mondlicht beleuchteten Platz trat. Es war bereits weit nach Mitternacht, und um diese Zeit waren selbst in der sonst so quirligen Hauptstadt von Rambun die Straßen wie ausgestorben. Ihre Schritte hallten auf dem  gepflasterten Boden lauter als ihr lieb war.

Ihr Begleiter, ein junger Stallbursche aus dem Haushalt ihres Vaters, sprach kein Wort und warf immer wieder nervöse Blicke über seine Schulter. Shaya konnte es ihm nicht verdenken. Seit Tante Rhudina am Abend unerwartet aufgetaucht war und berichtet hatte, dass die Delegation der Zauberergilde einige Wochen früher als geplant bei Herzog Kardos eingetroffen war, überschlugen sich die Ereignisse.

Mit den Männern in den schwarzen Mänteln war nicht zu spaßen.

Sie waren auf der Suche nach Hexen.

Nach Hexen, wie sie eine war.

Sie überquerten den Platz zügig und bogen in eine noch schmalere Gasse ein. Unrat häufte sich hier auf beiden Seiten. Dies war keine Gegend, in die Shaya unter normalen Umständen freiwillig einen Fuß gesetzt hätte. Es stank nach ranzigem Fett, verfaulten Küchenabfällen und menschlichen Exkrementen. Sie legte ein Tuch über Mund und Nase, aber es half wenig.

„Dort drüben ist es, Mylady.“ Lennar streckte den Arm aus und deutete auf ein schmales Haus mit windschiefen Balken. „Dort bei den drei Stufen.“

Sie nickte. „In Ordnung. Warte, bis ich drin bin. Und dann geh nach Hause und erstatte meinem Vater Bericht.“ Sie war nicht wild darauf, allein weiterzugehen. Wenn sie ehrlich war, fürchtete sie sich ein wenig vor dem, was sie in diesem Haus erwartete. Aber sie war eine Baronesse und konnte sich eine solche Schwäche nicht anmerken lassen.

„Mögen die Götter Euch beschützen.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Das werden sie sicher, Lennar. Mach dir keine Sorgen um mich.“

Sie hatte diesen Tag kommen sehen, die Gerüchte kursierten bereits seit Längerem. Der Herzog hatte den Plan gefasst, ganz Rambun hexenfreizu machen und alle Mädchen und jungen Frauen zwischen zehn und zwanzig Jahren einem Test zu unterziehen.

Oh, es gab Möglichkeiten zur Täuschung, bestimmte Kräutertränke konnten das Satar für einige Zeit lähmen und verschleiern, und erfahrene Hexen konnten Techniken erlernen, die Sensorfelder zu täuschen. Aber das alles kam für sie nicht in Betracht. Ihr Satar war zu mächtig.

Seit Tagen schon war alles für ihre Flucht vorbereitet, die Taschen gepackt, die Route festgelegt und die Vorbereitungen für das Täuschungsmanöver getroffen, das ihr plötzliches Verschwinden erklären sollte. Für alle außer ihren Eltern und Geschwistern würde die jüngste Tochter des Barons dan Cassaral an den roten Pocken sterben und auf dem Landsitz der Familie begraben werden.

Doch dann geriet der sorgsam ausgearbeitete Plan ins Wanken. Sie war gezwungen, ihr vertrautes Zuhause Hals über Kopf zu verlassen, denn die Suchtrupps der Gilde konnten jeden Moment an ihre Tür klopfen. Der Abschied war kurz und schmerzhaft gewesen. Und möglicherweise endgültig. Würde sie ihre Familie je wiedersehen?

Energisch schüttelte sie die Erinnerung ab, bevor die Wehmut sie überwältigen konnte. Tante Rhudina hatte ihr diese Adresse gegeben, hier würde sie Hilfe finden. Der Hexenrat war gut organisiert und würde sich ihrer annehmen.

Sie stieg die Stufen hoch und betätigte den Türklopfer.

Schritte schlurften heran, und dann öffnete ihr eine ziemlich dicke Frau mit strähnigen Haaren und einer schmutzigen Schürze. Sie sagte kein Wort, zog sie hinein in einen schlecht beleuchteten Eingangsraum und drückte die Tür dann schnell wieder zu.

Ella öffnet die Tür. Sie ist eine beleibte Frau mit schmutziger Schürze und einer Lampe in der Hand.

„Du kommst spät.“

„Ich bin so schnell hergekommen, wie es ging“, rechtfertigte sie sich unbehaglich. Der unfreundliche Empfang war nicht das, was sie erwartet hatte. War das etwa ihre Kontaktperson?

„Komm mit!“ Die Alte nahm eine Lampe und ging voran in eine ärmliche Stube. Am Tisch saß eine kleine, rundliche Frau mittleren Alters mithochgesteckten Haaren.

Sie nahm ihren Mut zusammen. „Lady Sarah?“

„Ja, die bin ich.“

„Ich bin Shaya din Cassaral.“

Sarah schenkte ihr ein warmherziges Lächeln und stand auf, um sie zu begrüßen. „Rogulus sei Dank, dass dich unsere Nachricht noch rechtzeitig erreicht hat. Besser, du vergisst diesen Namen, mein Kind. Deine Familie ist zu bekannt. Von nun an bist du Raya, die Tochter meiner verarmten Cousine aus Barghol.“ Sie deutete auf einen der Stühle. „Setz dich und trink einen Tee mit mir.“

Shaya nahm etwas zögerlich an dem nicht sehr sauberen Tisch Platz undSarah goss ihr eine Tasse dampfend heißen Peckabeerentee ein. Sie versuchte, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen, als sie sich in dem halbdunklen Raum umschaute. Huschte da etwas durch die Schatten neben dem Schrank?

„Warum habt Ihr ausgerechnet in dieser Gegend der Stadt Quartier bezogen?“ Der allgegenwärtige Gestank der Straße stach ihr auch hier drin noch in die Nase.

„Einfache Leute fallen oft weniger auf. Niemand interessiert sich für sie oder schaut genauer hin. Aber natürlich können sie sich kein teures Gasthaus leisten, das würde sofort Aufsehen erregen, deshalb ziehe ich private Unterkünfte vor. Und Ella hier ist eine alte Bekannte, sie ist zuverlässig und verschwiegen.“

Shaya nahm einen Schluck von ihrem Tee. Sie war entschlossen zu überleben und zu tun, was immer dazu notwendig war, auch wenn es bedeutete, die Nacht mit Ratten und Kakerlaken zu verbringen. „Wie geht es nun weiter?“

„Wir werden Tralis noch vor dem Morgen verlassen“, verkündete Sarah ihr. „Es gibt bereits erste Durchsuchungen. Es ist riskant, auch nur eine Stunde länger zu bleiben.“

„Mitten in der Nacht?“ Innerlich runzelte sie die Stirn. Wie sollte das gehen? Die Stadttore waren um diese Zeit geschlossen und wurden von königlichen Soldaten bewacht.

„Mach dir darüber keine Gedanken.“

Shaya kannte diesen Ton. Wenn Sie etwas nicht leiden konnte, dann waren es Erwachsene, die sie wie ein dummes kleines Kind behandelten und ihre Einwände nicht ernst nahmen. „Die Wachen werden sicher Fragen stellen“, beharrte sie. „Und was, wenn mich jemand erkennt?“

Ella kam ihr zur Hilfe. „Die Kleine hat recht, es ist zu gefährlich. Wartet, bis der Tag anbricht. Es ist Markt, die Wachen werden alle Hände voll zu tun haben, sich auf die zu konzentrieren, die nach Tralis hineinwollen.“

Sarah bedachte die Alte mit einem sichtlich verärgerten Blick. „Du machst dem Mädchen nur unnötig Angst. Es besteht kein Grund zur Sorge, Liebes“, fuhr sie dann in ihre Richtung gewandt fort. „Es gibt Mittel und Wege, mit der Stadtwache fertig zu werden. Sie werden schon kooperieren. Und wenn nicht, müssen wir eben ein wenig nachhelfen.“

Shaya schluckte. „Wie meint Ihr das?“

Sarah zuckte die Achseln. „Nun, wie schon? Wir sind Hexen, oder nicht? Wer sich mir in den Weg stellt, wird schnell herausfinden, dass das keine sehr gute Idee ist. Nicht alle von uns sind so zögerlich wie deine Tante Rhudina, wenn es darum geht, die Gabe des Satar auch einzusetzen, wenn es nötig wird.“

Shaya verbarg ihren Schock. Es war streng verboten, Magie zu verwenden, wenn Außenstehende etwas davon bemerken konnten, aber Sarahs Aussage klang so, als wollte sie das Satar gegen einen Menschen einsetzen! So etwas war undenkbar.

Offenbar war ihr Versuch, sich nichts anmerken zu lassen, nicht erfolgreich, denn Sarah fügte hinzu: „Über eines musst du dir klarwerden, Raya. Bisher hast du ein sehr behütetes Leben geführt, aber damit ist nun Schluss. Im wahren Leben geht es schon mal rauer zu.“

„Und wenn jemand etwas bemerkt und die Gilde alarmiert?“

Sarah zuckte die Achseln. „Die meisten Leute sind sehr abergläubisch. Wenn du ihnen erzählst, dass du sie verfluchen wirst und dass ihr Vieh tot umfällt und die Frucht ihres Ackers verfault, wenn sie ein Sterbenswort verraten, dann glauben sie es und schweigen lieber.“

„Oh.“ Sarahs Standpunkt erschreckte sie. Er widersprach allem, an das sie bisher geglaubt hatte. Sie war plötzlich nicht mehr sicher, ob sie bei dieser Frau wirklich in guten Händen war. Aber sie hatte keine andere Wahl, als ihr zu vertrauen.

Kaum hatte die Nachtglocke zwei geschlagen, stand Sarah auf. „Trink deinen Tee aus. Bald findet der Wachwechsel statt, dann sollten wir am Tor sein.“ Sie nahm ihren Mantel und einen großen Rucksack und reichte Shaya einen Proviantbeutel, den sie sich über die Schulter schlingen konnte.

Sie verabschiedete sich kurz von Ella, und dann ging es wieder hinaus in die stillen Gassen.

„Falls uns jemand ansprechen sollte, stell dich dumm und überlass mir das Reden.“

Shaya nickte nur. Schweigen und sich unauffällig verhalten, darin hatte sie es inzwischen zur Meisterschaft gebracht. Seit ihrer frühesten Kindheit war ihr eingetrichtert worden, bloß nicht durch allzu kluge Bemerkungen aufzufallen. Zwar war es üblich, dass adelige junge Damen lesen und schreiben lernten und eine gewisse Bildung erhielten, aber die Gilde blieb misstrauisch, und wer die falschen Bücher las oder gefährliches Wissen offenbarte, der geriet schnell in ihr Visier.

Sarah führte sie noch tiefer ins Südviertel, wo die Schlachter, Gerber und Talgzieher ihr Revier hatten. Es war eine Gegend, die niemand freiwillig betrat, wenn er dort nicht Geschäfte zu erledigen hatte. Selbst jetzt, mitten in der Nacht, stiegen übelriechende Dampfschwaden aus zahllosen Kesseln und Schornsteinen empor, und ein zäher Nebel hielt sich zwischen den ärmlichen Häusern. Durch steinerne Rinnen in der Mitte der Gassen flossen stinkende Abwässer.

Es war fast vollkommen dunkel, nirgendwo brannte eine Laterne, und der Mond stand bereits tief am Horizont. Lediglich ein paar Sterne funkelten über ihnen am kalten März-Himmel. Shaya sah kaum die Handvor Augen und musste aufpassen, nicht über Abfallhaufen zu stolpern oder gegen Mauervorsprünge zu stoßen.

Sie versuchte, sich an Sarah zu halten, aber das war gar nicht so leicht, denn ihre Begleiterin war kaum mehr als ein vager Schemen in der Nacht, und ihre leichten Ledersohlen erzeugten kaum einen Laut auf dem Straßenpflaster. Dafür umgaben sie andere, unbekannte Geräusche. In der Stadt wurde es nie völlig still. Von irgendwoher drang ein Schnarchen aus einem der Häuser. Ein Stück weiter klapperte etwas in der leichten Brise. Und was war das für ein Scharren gleich neben ihr?

Sie ging etwas schneller und schickte ein Stoßgebet zu Rogulus. Kurz wünschte sie sich zurück in die Sicherheit ihres heimischen Bettes, bis ihr klar wurde, dass es auch dort nicht mehr sicher war. Du musst nun erwachsen werden, hatte ihr Vater ihr zum Abschied gesagt. Erst ganz allmählich verstand sie, was das wirklich bedeutete.

Wieder hörte sie ein Rascheln ganz in ihrer Nähe. Etwas fauchte, und bange Sekunden verstrichen, bevor sie die Laute richtig einordnen konnte. Nur eine aufgeschreckte Katze, die wohl auf der Jagd nach einer der zahllosen Ratten in diesen Gassen war. Ein paar glühender Augen eine Handbreit über dem Boden starrte sie kurz an und war dann wieder verschwunden. Sie atmete auf.

Sarah schien von alle dem unbeirrt. Ein paar mal bog sie unvermutet ab, und Shaya hatte längst die Orientierung verloren, aber offenbar kannte ihre Begleiterin den Weg genau. Nach der nächsten Biegung hatte sie freie Sicht auf zwei mächtige, hölzerne Torflügel. Auch, wenn es das kleinste der vier Stadttore von Tralis war, war es doch ein imposantes Bauwerk. Und es war gut bewacht. Am Wachhaus gleich nebenden  inneren Toren brannte eine Laterne.

Zu sehen war  niemand, die königlichen Wachen befanden sich vermutlich im Inneren und spielten Gam. Aber wie sollten sie unbemerkt hinausgelangen? Die Torflügel waren geschlossen und verriegelt.

Sarah war stehengeblieben. Sie schien zu zögern, als würde sie auf etwas warten.

Dann hörte sie Schritte von schweren Militärstiefeln und hielt den Atem an.

Sie kamen näher!

Sarah fuhr herum, als sich ein Schatten aus der Dunkelheit einer Nebengasse löste. Shayas Herz machte einen Satz. Eine Offiziersuniform!

Sie waren entdeckt worden!

„Ihr hättet nicht herkommen sollen.“ Die dunkle Stimme verriet einen Hauch Nervosität. „Es ist kein guter Tag für Euer Vorhaben, es sind Gildenleute in der Stadt, und sie haben ihre Augen überall.“

„Ich habe dringende Angelegenheiten, die nicht warten können, Leutnant. Nicht, dass Euch das etwas anginge. Der Plan wird nicht geändert.“

Auch im schwachen Licht der weit entfernten Lampe war das Unbehagen desMannes kaum zu übersehen.

„Sie führen eigene Patrouillen durch. Erst vor einer Stunde war ein Zauberer hier, um nach dem Rechten zu sehen. Das macht meine Männer nervös. Wenn einer von ihnen Verdacht schöpft und ungewöhnliche Vorkommnisse meldet, werden die Verfolger Euch direkt auf den Fersen sein, und mir geht es an den Kragen.“

„Solange Ihr die Nerven behaltet, kann nichts schief gehen.“

Der Offizier schüttelte den Kopf. „Ich kann das Risiko nicht eingehen. Kommt morgen bei Tag wieder.“

Sarah schnaubte leicht.

Was hatte sie vor? Offenbar war es ihr Plan gewesen, dass der Offizier sie heimlich hinausließ. Aber der Mann hatte kalte Füße bekommen. Man konnte es ihm nicht verübeln, wenn er dabei erwischt wurde, wie er zwei Hexen zur Flucht verhalf, riskierte er nicht nur seinen Posten, sondern sein Leben.

Shaya fürchtete, dass ihre Reise zu Ende war, bevor sie richtig begonnen hatte. Dort, hinter dem Tor, nur ein paar Schritte entfernt, wartete die Freiheit auf sie. Und doch hätte es ebenso gut am anderen Ende der Welt sein können, denn der Weg hinaus war versperrt.

„Wir haben in der Vergangenheit immer gut zusammengearbeitet, Leutnant.“ Sarahs Stimme war kein Verzagen anzumerken, eher im Gegenteil, sie hatte einen bedrohlichen Unterton bekommen. „Und es war nicht zu Eurem Schaden. Ihr möchtet doch diese lukrative Geschäftsbeziehungsicher nicht aufs Spiel setzen. Zumal ich Euch daran erinnern muss, dass Ihr mich und meine Freundinnen nicht zum Feind haben wollt.“

In der Dunkelheit war die Mimik des Mannes nicht genau zu erkennen, aber seine Stimme klang gepresst, als er schließlich antwortete. „Nun gut. Wartet hier. Kommt nach, sobald ich die Wachen weggeschickt habe.“

Er verschwand Richtung Wachstube.

Shaya schaute ihm nach. „Können wir ihm trauen?“

„Man traut besser keinem Mann“, gab Sarah grimmig zurück. „Aber ich denke nicht, dass er uns verraten wird.“

Sie war sich da nicht so sicher. Sie beobachtete angespannt, wie der Offizier das kleine Häuschen betrat. Immerhin, es ertönte kein Alarm. Lange Augenblicke verstrichen, bevor sich die Tür erneut öffnete und mehrere Soldaten herauskamen. Keiner von ihnen bewegte sich in ihre Richtung oder schaute auch nur herüber, zwei gingen nach links die Straße entlang, die anderen beiden nach rechts.

Schon bald darauf waren sie außer Sicht.

Sarah setzte sich in Bewegung. „Komm! Beeilen wir uns lieber, sie werden nicht lange weg sein.“

Shayas Herz klopfte heftig, als sie die freie Fläche überquerte. Was,wenn jemand sie aus einem der zahlreichen Fenster beobachtete? Oder oben von der Mauer, wo auch regelmäßig Wachen patrouillierten? Jeden Augenblick rechnete sie damit, dass Rufe laut wurden. Etwas atemlos erreichte sie schließlich das Wachhaus und drückte sich in eine schattige Nische. Eine hölzerne Treppe führte hier auf den Wehrgang hinauf.

Nur einen Moment später öffnete sich die Tür und der bärtige Offizier trat heraus, in der Hand ein Bund mit Schlüsseln und eine Lampe. DerLichtschein fiel für einen Augenblick auf sein Gesicht. Shaya kannte ihn nicht. Sie hatte nicht allzu viel Kontakt zu den Offizieren der königlichen Armee.

Seine Augen wurden schmaler, als er seinerseits sie musterte. Hatte er vielleicht sie erkannt? Auszuschließen war es nicht, dass sie sich schon einmal begegnet waren, möglicherweise im Palast des Herzogs, wenn er dort zum Wachdienst eingeteilt gewesen war.

Sie zog unwillkürlich die Kapuze ihres Umhangs etwas tiefer ins Gesicht. Wenn er jemandem davon erzählte, die Tochter des Barons dan Cassaral hier gesehen zu haben, würde es Zweifel an der Behauptung wecken,dass sie an den roten Pocken gestorben war. Und dann geriet auch ihre Familie in Gefahr.

Falls er wusste, wer sie war, ließ er es sich nicht anmerken. Er näherte sich dem Tor und steckte einen seiner Schlüssel ins Schloss der schmalen Schlupftür. Sie erlaubte es, auch in der Nacht einzelne Personen hinauszulassen, ohne die massiven Torflügel zu bewegen. Gleich darauf öffnete sie sich mit einem leisen Knarren.

„Wartet hier. Ich schaue nach, ob die Luft draußen rein ist!“

Er verschwand.

Einige bange Augenblicke verstrichen.

Shaya trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Warum ging er allein voraus und ließ sie hier im Schein der Laterne zurück, wo sie jeden Moment entdeckt werden konnten? Und warum kehrte er nicht wieder zurück? Die Tür im äußeren Tor aufzuschließen und einen Blick hinauszuwerfen konnte doch nicht so lange dauern?

Auch Sarah schaute sich inzwischen immer wieder unruhig um.

Und dann hörte sie Schritte! Zwei Soldaten kamen die Straße herauf direkt auf sie zu!

Was jetzt?

Die rettende Tür in die Freiheit lag im hellen Lichtschein, dort würden die Männer sie sofort sehen. Sarah packte Shaya an der Schulter und zog sie stattdessen in die Schatten hinter der Treppe.

Noch schienen die beiden nichts bemerkt zu haben. Sie kamen näher und unterhielten sich leise. Ihr Ziel schien das Wachhaus zu sein, und dessen Eingang lag nur ein paar Schritte entfernt. Shaya hielt denAtem an und regte sich nicht.

Die Männer mussten sie sehen! Sie brauchten nur den Kopf ein wenig inihre Richtung drehen. Aber sie gingen einfach weiter und hatten den Eingang zum Wachhaus nun fast erreicht.

Und dann trat Sarah plötzlich aus dem Schatten heraus. „Oh, Rogulus sei Dank!“ Sie machte ein paar schnelle Schritte auf die Männer zu.

Die zwei fuhren herum und griffen nach ihren Schwertern.

„Euch schicken die Götter!“

„Bleib stehen, Weib!“ Einer der beiden musterte sie mit sichtlichem Misstrauen. „Was treibst du hier, mitten in der Nacht?“

Shaya traute ihren Augen nicht. Was hatte Sarah vor? Sie hätte einfach nur zu warten brauchen, bis die zwei Wachen hineingegangen waren, dann hätten sie durch die Tür im Stadttor entkommen können.

„Ich bin auf der Suche nach Männern des Königs. Ihr müsst mir helfen.“

„Wir haben Befehl, alle verdächtigen Weiber der Gilde zu melden“, sagte der andere nun. „Es sind Hexen in der Stadt.“

„Ich bin eine unbescholtene Frau, die niemandem etwas zu Leide tut“, versicherte Sarah. Dann drehte sie sich plötzlich um. „Aber die dort ist eine Hexe!“ Sie zeigte direkt auf Shaya. „Ihr müsst sie dingfest machen!“

Shaya war wie gelähmt. Die Frau, die sie hatte retten sollen, verriet sie! Was sollte sie jetzt tun?

„Dieses kleine Mädchen?“ Der Zweifel in der Stimme des Soldaten war deutlich.

„Sie wirkt unschuldig, aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie die Schweine des Schankwirts verhext hat, so dass sie gestorben sind.“

Eine dreiste Erfindung! Shaya dachte nicht nach, als sie hinter der Treppe hervortrat. „Das ist nicht wahr!“, rief sie erbost. „Diese Frau lügt!“ Sie konnte nicht glauben, dass Sarah ihr in den Rücken fiel.

Alle Augen richteten sich nun auf sie, und Sarah nutzte die Ablenkung und machte plötzlich zwei Schritte auf die Soldaten zu. Ein heller, blauer, Lichtblitz war zu sehen, dann sackte einer der beiden in sich zusammen. Der andere fuhr erschrocken herum, das Schwert schon halb gezogen. Er setzte zu einem Alarmruf an, als auch ihn ein magischer Blitz traf. Entsetzt riss er die Augen auf, bevor er wie ein Sack zu Boden fiel.

Shaya war so perplex, dass sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte.

„Los,steh nicht rum, hilf mir, sie hineinzuziehen.“ Die rundliche Frau stieß die Tür des Wachhauses auf und packte den ersten Wachmann an den Füßen.

Erst allmählich löste sie sich aus ihrer Starre und kam näher. Der Mann regte sich nicht mehr. War er tot?

Sarah bemerkte ihren entsetzten Blick. „Keine Sorge, er lebt, und er wird schon bald wieder putzmunter sein. Fass mit an, er ist schwer.“

Mit vereinten Kräften schleppten sie den Soldaten in die Stube.

Gerade als sie den anderen holen wollten, tauchte endlich der Wachoffizier wieder auf. Er wurde bleich, als er sah, was passiert war. „Bei Sabarus, seid Ihr wahnsinnig geworden?“

„Die beiden kehrten früher zurück als geplant“, erklärte Sarah ungerührt. „Wir müssen den Plan ein wenig ändern. Helft mir, ihn hineinzubringen.“

„Wie stellt Ihr Euch das vor?“ Der Mann war der Panik nahe. „Spätestens morgen früh wird die ganze Stadt wissen, dass während meiner Wache zwei Hexen durch dieses Tor entkommen sind. Es wird eine Untersuchunggeben, und ich bin geliefert.“

„Nicht,wenn Ihr die Nerven behaltet. Sprecht gefälligst leise, Ihr weckt noch das ganze Viertel auf.“

Gemeinsam trugen sie auch den zweiten bewusstlosen Soldaten ins Wachhaus.

„Es ist ganz einfach.“ Sarah deutete auf den Stuhl. „Setzt Euch.“ Sie bugsierte den perplexen Mann zum nächsten Stuhl. „Zwei Hexen kamen mitten in der Nacht, haben Euch überrumpelt und betäubt und haben dann sie Torschlüssel gestohlen.“ Sie hob den Arm.

Die Augen des Offiziers weiteten sich. „Bleibt mir vom Leib mit Euren Dämonenkräften!“

„Es ist nur zu Eurem Besten.“

Der Blitz traf ihn in der Brust..

Sie schnappte sich das Schlüsselbund, packte Shaya am Arm und schob sie hinaus.

Draußen rührte sich nichts. Die kleine Tür im großen Torflügel war nur angelehnt. Sobald die beiden auf der anderen Seite im Tunnel unter der Stadtmauer waren, schob Sarah sie ins Schloss, erzeugte eine magische Leuchtkugel und probierte dann einige der Schlüssel aus, bis sie den passenden fand.

Shaya stand nervös daneben. Alles in ihr drängte danach, zu rennen. Jeden Moment konnten die restlichen Wachen zurückkehren und den Alarm auslösen.

Sarah ließ den Schlüssel quer im Schloss stecken. „Wenn wir Glück haben, was das das einzige Schlüsselbund im Wachhaus, und sie werden eine Weile brauchen, um hier durchzukommen“, erklärte sie dabei. Dann gab sie ihrer kleinen Leuchtkugel einen Stoß, so dass sie durch den Tunnel schwebte und den Weg zum äußeren Tor erhellte.

„Warum habt Ihr die Soldaten überhaupt angegriffen?“, wollte Shaya nun wissen. „Sie haben uns nicht entdeckt und waren schon fast in der Wachstube. Wir hätten leicht entkommen können.“

„Ja, aber sie hätten festgestellt, dass das Wachhaus unbesetzt war. Auch, wenn sie nicht gleich Alarm geschlagen hätten, hätte es Fragen aufgeworfen, warum der wachhabende Offizier erst alle Soldaten wegschickt und dann seinen Posten verlässt. Gundrik mag ein Feigling sein, aber er ist mir vielleicht noch einmal nützlich.“

Sie erreichten das äußere Tor. Auch hier gab es eine kleine Tür in einem der schweren Flügel aus massiver Eiche. Eine letzte Barriere zwischen ihr und der Freiheit. Und sie stand offen.

Draußen wehte ein kalter, scharfer Wind. Die schlecht befestigte Straße war kaum mehr als ein sandiger Streifen, der sich im schwachen Licht der Sterne vor ihnen abzeichnete, umgeben von Wiesen und niedrigem Gebüsch.

Shaya warf einen letzten Blick auf die Mauern der Stadt.

Sie waren draußen. Aber noch waren sie nicht entkommen.