Das Grab des Thuma

Kapitel 1

Benedict von Ashra, frisch gebackener Leutnant der königlichen Armee, warf einen Blick über den baumlosen Hügelkamm und atmete insgeheim auf. Endlich! Dort, in der tiefstehenden Herbstsonne, lag das Ziel ihres langen Marsches, das kleine Dorf Uhlbargen. Die armselige Ansammlung geduckter Lehmhäuser, aneinandergeschmiegt zu beiden Seiten eines mäandernden Bachlaufs, war zweifellos das abgelegenste Hinterwäldlernest, das er in seinem zugegeben noch recht jungen Leben zu sehen bekommen hatte, aber zumindest war es so etwas wie Zivilisation.

Fast drei Tage über kaum vorhandene Straßen hatten sie von der nächstgelegenen größeren Stadt Shyras aus gebraucht, um in diesen fernen Winkel des Reiches am Rande der nördlichen Öde zu gelangen. Drei Tage durch Matsch und Gestrüpp, Regen und stürmischen Wind.

Nun kam hinter ihm erleichtertes Gemurmel auf. Die Aussicht auf eine anständige Mahlzeit und ein trockenes Plätzchen am Feuer hob die Laune seiner Männer deutlich. Er fuhr mit der Hand über die hellbraunen Bartstoppeln an seinem Kinn. Eine Rasur würde auch nicht schaden. Er musste innerlich grinsen, als er daran dachte, dass der bedauernswerte Zustand seiner Uniform ihm noch vor zwei Wochen einen ordentlichen Anschiss seines Ausbilders eingebracht hätte. Nun, das war zum Glück vorbei, auch wenn sein erstes eigenes Kommando nicht unbedingt das war, was er sich erhofft hatte. Aber jeder fing klein an.

Das Land hier im Norden war rau, windig und steinig, und kaum besiedelt. Dieser kleine Vorposten bestand aus vielleicht zwei Dutzend Gehöften mit schilfgedeckten Langhäusern und ein paar Wirtschaftsgebäuden. Auf den kargen Wiesen weideten Schafe und vereinzelt ein paar kleine, stämmige Pferde. Menschen waren weit und breit nicht zu sehen.

Kjer, der breitschultrige Sergeant ihrer kleinen Truppe, trat neben ihn und schaute den Hang hinab. „Nicht unbedingt einladend“, brummte er. „Aber zumindest haben wir es gefunden.“

Ben musterte seinen Unteroffizier. Der Mann war fast doppelt so alt wie er selbst, und nicht sehr groß, aber er hatte Muskeln wie ein Schmied und er hielt sich fit. Die Art, wie er sein Haar trug, war typisch für die Bewohner der Silberküste. Während die Seiten des Kopfes rasiert und mit Tätowierungen versehen waren, ließ er das übrige Haar lang wachsen und hatte es zu mehreren Zöpfen geflochten, die am Hinterkopf zusammengebunden waren.

Wie Ben zähneknirschend zur Kenntnis genommen hatte, legte Kjer keinen allzu großen Wert auf Formalitäten und ignorierte geflissentlich jeden Hinweis darauf, dass sein Äußeres nicht den Vorschriften entsprach. In der Hauptstadt wäre das Sammelsurium verschiedenster Kleidungsstücke, die der Mann mit den grauen Hosen und dem braunen Mantel seiner Uniform kombiniert hatte, völlig undenkbar. Aber in der Provinz galten andere Gesetze. So viel hatte Ben inzwischen gelernt.

„Einladend oder nicht, wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen.“ Er ließ seinen Blick über das Gelände schweifen. „Die Männer sollen vorsichtig sein und die Waffen bereithalten, bis wir wissen, was genau dort unten los ist.“

„Es ist nur ein einfaches Bauerndorf, Sir“, wandte Kjer ein. „Und es sieht alles friedlich aus.“

„Ein Bauerndorf, das einen Trollangriff gemeldet hat. Wir werden kein Risiko eingehen.“

„Jawohl, Leutnant.“ Kjers Tonfall ließ eine gewisse Schicksalsergebenheit erkennen. Er war nicht so dumm, offen zu widersprechen, aber er machte auch keinen großen Hehl aus seiner Meinung, dass er die ganze Aktion für reine Zeitverschwendung hielt.

Ben ignorierte den Unterton. Der Sergeant hatte den Ruf, ein guter Mann und erfahrener Kämpfer zu sein. So lange er tat, was man ihm sagte, konnte er denken, was er wollte.

Auf Kjers Befehl hin bildeten die Männer so etwas wie eine Kampfformation, in Zweierreihen hintereinander, Schwerter und Schilde griffbereit. Ben beobachtete das Manöver und verkniff sich ein Seufzen. Der bunt zusammengewürfelte kleine Haufen, den Hauptmann Olver für diesen Einsatz ausgewählt hatte, war nicht gerade eine Eliteeinheit.

Die einen standen kurz vor dem Umzug ins Veteranenheim, die anderen waren jung und unerfahren. Kaum jemand brachte mehr Kampferfahrung mit als eine gelegentliche Schlägerei mit Trunkenbolden in den Gassen von Shyras.

Und dann war da noch Methim. Der blaugewandete Geselle der Zauberergilde fungierte offiziell als ihr Berater und unterstand nicht Bens Kommando. Ein Umstand, den er auf dem Weg von Shyras hierher schon mehrfach bedauert hatte, denn Methim war eine Nervensäge.

„Ich hoffe doch, dieses Kaff hat so etwas wie ein Gasthaus“, sagte er gerade, während er mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck den Hinterlassenschaften einiger Schafe auswich. „Es wirkt nicht so, als kämen hier häufig Reisende vorbei.“

Damit hatte er zweifellos recht.

Der Pfad hatte sich inzwischen verbreitert und war in eine unbefestigte Dorfstraße eingemündet, gesäumt von ordentlichen Zäunen und kleinen Haufen und Mauern aus Steinen, die man aus der sandigen Erde gesammelt hatte. Ackerbau war in dieser Gegend eine mühselige Angelegenheit.

Als sie sich den Häusern näherten, ertönten laute Rufe. Ein paar Jungen kletterten aus der Krone einer großen Eiche hinab, die sie offenbar als Aussichtspunkt genutzt hatten. Einige liefen los, um die Erwachsenen zu informieren, die anderen hielten sich in sicherer Entfernung.

Jenseits des Zauns ertönte das Gebell von Hütehunden, die es mit dem Schutz ihres Hofes und ihrer Schafe ernst meinten und den Eindringlingen dies nun mit Nachdruck mitteilten. Es waren großgewachsene, kräftige Tiere, die auch vor Wölfen und Bären nicht zurückschreckten.

Ein schmaler Steg führte unterhalb einer Mühle über den Bach zum Dorfplatz, wo sich inzwischen eine Gruppe von Männern versammelt hatte. Einfache Leute, die sich an das raue Land im Norden angepasst hatten. Robuste Kleidung in gedeckten Farben, hergestellt aus der Wolle ihrer Schafe, schützte sie gegen die kalten Nordwinde. Einer davon trat ihnen nun entgegen, ein Mann mittleren Alters mit angegrautem Bart und einer Narbe an der Stirn.

„Willkommen in Uhlbargen“, sagte er mit rauer Stimme. „Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass man unseren Hilferuf erhört. Ich bin Alvar, der Dorfvorsteher.“

„Leutnant Benedict. Und dies ist Baron Methim. Wir sind hier, um uns eures Problems anzunehmen.“

Ein junger Mann mit blondem Bart machte ein abfälliges Geräusch. „Sind das alle eure Männer?“ Sein Blick verriet, dass er nicht übermäßig beeindruckt war von der zusammengewürfelten Truppe, die nun vor ihm stand. „Sie werden nicht viel ausrichten können.“

„Na dann können wir ja wieder gehen“, warf Methim von hinten ein.

Ben ignorierte den Kommentar. „Wir sind hier, um die Lage zu prüfenund uns selbst ein Bild zu machen. Die Berichte, die uns erreicht haben, waren widersprüchlich. Worin genau besteht die Bedrohung, die ihr gemeldet habt?“

„Ein Troll macht diese Gegend unsicher und terrorisiert unser Dorf“, berichtete Alvar.

Kjer, der mit verschränkten Armen neben ihm stand, schnaubte vernehmlich.

Ben runzelte die Stirn. „Soweit ich weiß, wurden bisher niemals Trolle in dieser Gegend gesehen.“

„Ja, das haben wir auch gedacht, sonst hätten wir uns wohl nicht hier angesiedelt.“ Alvar war kein Mann, der leicht einzuschüchtern war. Hier am Rande der Wildnis, drei Tagesmärsche entfernt von der nächsten Garnison, war man daran gewöhnt, auf sich allein gestellt zu sein und seine Probleme selbst zu lösen. Nun allerdings wirkte er ehrlich besorgt. „Es besteht kein Zweifel, mehrere von uns haben ihn direkt aus der Nähe gesehen, eine menschenähnliche Gestalt, größer als zwei Männer, mit langen Armen wie Baumstämme und einem haarigen Rücken.“

„Zuerst hat er nur unsere Schafe gestohlen“, ergänzte der Mann mit dem blonden Bart. „Aber letzte Woche ist er auch in den Ort eingedrungen, hat einen Zaun zerstört und den Garten dahinter verwüstet.“

„Unmöglich“  ,kommentierte Kjer. „Die Nordlandtrolle kommen niemals so weit nach Süden in bewohntes Gebiet. Wahrscheinlich war es nur ein Bär.“

Alvar schüttelte den Kopf. „Wir sind keine Trottel, Sergeant. Mit Bären und Wölfen kennen wir uns aus. Jedes Kind hier kann ihre Spuren lesen und wir wissen unsere Schafherden zu verteidigen. Aber das war etwas anderes.“

„Vielleicht können wir das an einem wärmenden Feuer weiterdiskutieren?“, mischte sich Methim erneut ein. „Hier draußen gibt es ja offensichtlich nichts zu sehen, das uns irgendwie weiterbringt, und ich würde gern meinen nassen Mantel loswerden, bevor ich mir in diesem Nest noch den Tod hole.“

Ben musste sich bemühen, nicht genervt die Augen zu verdrehen. „Ich würde mich gern mit den Augenzeugen unterhalten und mir auch die Schäden anschauen, die euer Troll angerichtet hat“, sagte er zu Alvar. „Viel mehr werden wir heute aber tatsächlich nicht unternehmen können. Gibt es einen Ort, wo meine Männer übernachten und ihre Sachen trocknen können?“

Der Mann nickte. „So etwas wie ein Gasthaus haben wir hier leider nicht. Ihr und Euer Zauberer können in meinem Haus unterkommen. Der Rest wird sich wohl mit einem Platz in unserer Dorfscheune zufriedengeben müssen. Das ist das Gebäude hier drüben. Die Frauen werden Essen bringen, und was ihr sonst noch benötigt.“

„Danke. Du sagtest etwas von einem verwüsteten Garten? Dann sollten wir dort anfangen, bevor es zu dunkel wird. Methim, Kjer und Joran, ihr kommt mit mir. Die anderen können es sich schon mal in der Scheune dort bequem machen. Überprüft eure Ausrüstung. Wenn wir es wirklich mit einem Troll aus der nördlichen Öde zu tun haben, können wir uns keine Nachlässigkeiten leisten.“

Die Männer nickten, und Alvar gab seinerseits einige Anweisungen an die Umstehenden, damit sie sich um die Einquartierung der Soldaten kümmerten. Dann ging er voran zum nordwestlichen Ende des Dorfes. Sergeant Kjer und Joran, ihr Fährtenleser, folgten ihm, während Methim stehenblieb und Ben leicht konsterniert musterte. „Darf ich fragen, wozu Ihr mich braucht, Leutnant?“

Ben runzelte die Stirn. „Wir sehen uns die Spuren an, die dieser Troll hinterlassen hat, bevor der Regen sie endgültig davonwäscht. Das ist es doch, weswegen Ihr hergekommen seid, oder etwa nicht?“

Der Zauberer stöhnte vernehmlich, setzte sich aber immerhin in Bewegung.

„Ihr glaubt doch nicht etwa wirklich an dieses Ammenmärchen von dem Troll, der ihre Schafe gestohlen hat?“

„Warum sollten sie sich so etwas ausgedacht haben?“

„Nun, keine Ahnung. Vielleicht um sich vor ihren Nachbarn im nächsten Dorf wichtig zu tun oder um eine Entschädigung zu bekommen für Schafe, die ihnen davongelaufen sind.“

Ben verkniff sich den Kommentar, der ihm auf der Zunge lag. „Ihr seid auf dieser Mission als der Experte für Trolle, wenn ich mich recht entsinne. Man sollte also meinen, dass Ihr darauf brennt zu erfahren, was genau hier vorgefallen ist. Ich schlage vor, wir sprechen mit denAugenzeugen, sehen uns den zerstörten Garten an und dann könnt Ihr uns mit Eurem Wissen erleuchten.“

Methim verzog das Gesicht. „Ihr wisst sehr gut, dass ich diesen Unsinnhier nur mitmache, weil mein Meister darauf bestanden hat. Er ist besessen von seinen Forschungen über Trolle. Hätte er nicht diesen schlimmen Gichtanfall gehabt, wäre er womöglich selbst an dieses trostlose Ende der Welt gereist. Stattdessen muss ich mich nun mit diesen einfältigen Hinterwäldlern herumplagen.“

Ben seufzte leise.

Kapitel 2

Alvar führte sie vorbei an Obstbäumen, Misthaufen und Kaninchenställen zum Gemüsegarten von Deem, einem untersetzten Mann, dem zwei Schneidezähne fehlten.  

„Der Troll kam mitten in der Nacht“, erzählte er, während er das Tor öffnete. „Wir alle schliefen bereits tief und fest, als die Hunde plötzlich Alarm schlugen. Mit Fackeln und Heugabeln bewaffnet machten wir uns in der Dunkelheit auf die Suche nach dem Eindringling. Zuerst konnten wir nichts entdecken und glaubten schon an einen falschen Alarm, aber die Hunde ließen sich nicht beruhigen und bellten immer weiter.

Und dann sahen wir ihn! Er stand hier, mitten in unserem Gemüsebeet, und tat sich gütlich an unseren Winterrüben. Ein riesiger schwarzer Schemen. War fast so groß wie das Haus selbst. Dann brach der Mond hinter den Wolken hervor, und wir erkannten, womit wir es zu tun hatten: Eine stämmige Statur, wie eine Mischung aus Mensch und Zwerg, mit langen, haarigen Armen, einer breiten Stirn und einer flachen Nase.“

Kjer schaute sich skeptisch um. „Ich kann hier nichts Besonderes entdecken“, meinte er achselzuckend. „Ein paar zerwühlte Beete und zerrupfte Büsche, aber das ist alles. Nicht einmal der Zaun ist beschädigt. Eure Rüben könnten ebenso gut von Wildschweinen aufgefressen worden sein.“  

„Der Zaun war niedergetrampelt, aber wir haben ihn bereits repariert“,sagte Deem. „Er ist stabil genug, um die Wildschweine und Rehe draußen zu halten.“ Wenn er frustriert darüber war, dass der Sergeant offensichtlich Zweifel an seiner Darstellung hatte, dann behielt er es für sich.

„Und was habt ihr dann getan? Etwa den großen bösen Troll mit euren Fackeln und Mistgabeln vertrieben?“ Methims Stimme triefte vor Sarkasmus.

„Nein, mein Herr“, sagte Alvar. „Die Bewohner von Uhlbargen sind mutig und unerschrocken, aber Mistgabeln können nicht viel ausrichten gegen einen ausgewachsenen Troll. Also haben wir uns versteckt und abgewartet. Irgendwann wurde er wohl der Rüben überdrüssig. Er riss noch ein Weidegatter um und packte zwei Schafe, dann machte er sich wieder Richtung Wald davon.“

„Wie lange ist das her?“, erkundigte sich Ben. Er ließ seinen Blick über die Felder der Umgebung schweifen. Zwischen den ersten Häusern des Dorfes und dem fernen Waldrand lag nichts, was einen Troll aufzuhalten vermochte, und weder die Weidezäune, noch die einfachen Lehmmauern der Häuser, boten den Bewohnern wirklichen Schutz.

„Zehn Tage, Herr Leutnant“, antwortete Deem. „Seitdem haben wir jede Nacht Wachen aufgestellt, aber zum Glück ist noch nichts weiter passiert. Wir fürchten jedoch, dass es nicht so bleiben wird. Der Troll weiß nun, dass es hier etwas für ihn zu fressen gibt, er wird wiederkommen, wenn der Hunger ihn erneut dazu treibt.“

Ben runzelte die Stirn. „Was meinst du dazu, Kjer?“

„In der Nacht kann man sich eine Menge Dinge einbilden, Sir. Ich habe schon wildere Geschichten gehört, die sich dann als reine Einbildung oder Täuschung entpuppten. Vielleicht haben diese guten Leute auch den einen oder anderen Becher Schnaps gegen das ungemütliche Herbstwetter getrunken, und schon wurde aus einem großen Wildschwein oder einem hungrigen Bären ein Troll.“

„Hm.“ Ganz konnte er sich das nicht vorstellen. Alvar und Deem wirkten nicht wie Leute, die auf Hirngespinste hereinfielen oder sich eine solche Geschichte nur ausdachten. „Joran?“ Er winkte seinen Fährtenleser herbei. „Schau dich um und stell fest, ob du noch irgendwelche Spuren finden kannst, die uns verraten, welcher Übeltäter hier am Werk war.“

Der Mann nickte und machte sich daran, jede Handbreit des Gartens genau in Augenschein zu nehmen. Ben beobachtete ihn. Er war sich noch nicht ganz sicher, was er von dem jungen Burschen halten sollte. Er war erst kürzlich in die Dienste der Armee eingetreten, und sein letzter Leutnant hatte sich über seine angebliche Aufsässigkeit undDisziplinlosigkeit beklagt, aber bisher war er nicht unangenehm aufgefallen, und er war zweifellos ein hervorragender Fährtenleser.

Trotz seiner jungen Jahre war er bereits in der Welt herumgekommen. ImGegensatz zu den meisten königlichen Soldaten, deren bevorzugte Waffe das Langschwert war, hatte er zwei Kurzschwerter auf seinen Rücken geschnallt, mit denen er meisterhaft umzugehen verstand. Nundrehte er eine langsame Runde durch die Gemüsebeete, und kehrte dann mit gerunzelter Stirn wieder zurück.

„Der Regen und die Reparaturarbeiten haben die Spuren zerstört“, berichtete er. „Dort neben den Büschen habe ich einige Pfützen entdeckt, bei denen es sich um die Reste von Fußabdrücken handeln könnte, aber genau lässt es sich nicht mehr sagen. Wenn, dann war der Fuß wesentlich größer als der eines Bären. Und ich kann Wildschweine ausschließen. Sie hätten die Rüben ausgegraben und dann ganz gefressen, statt sie aus der Erde zu reißen und das Grünzeug wegzuwerfen.“

„So, dann bist du wohl neuerdings ein Experte für Trolle?“ Methim musterte ihn spöttisch.

Joran ignorierte es und ließ sich nicht einschüchtern. „Nein, mein Herr. Ich bin noch nie einem Troll begegnet, und die Götter mögen verhüten, dass es jemals geschehen wird. Aber ich bin sicher, was die Schweine angeht. Sie können gut riechen und hätten diese leckeren Möhren hier sicher nicht verschmäht.“

„Nun, ich sehe hier jedenfalls nichts, was die Theorie von einem Troll untermauern würde. Damit ist unser Auftrag dann wohl erfüllt, Leutnant.“

Ben schüttelte leicht den Kopf. „Unser Auftrag lautet, zu klären, ob an den Berichten etwas dran ist, und die Gefahr gegebenenfalls zu beseitigen. Bisher haben wir gar nichts geklärt.“

„Sollen wir etwa tagelang in diesem grässlichen Nest hocken bleiben und warten, dass der geheimnisvolle Schafdieb wieder auftaucht?“

„Nein.“ Seine Aufmerksamkeit richtete sich erneut nach Westen. „Er muss da aus dem Wald gekommen sein. Also werden wir uns morgen dort umsehen.“

Methim stöhnte vernehmlich, und auch Kjers Gesichtsausdruck zeugte nicht von Begeisterung, aber Alvars Miene zeigte Erleichterung. „Ihr solltet mit meinem Schwiegersohn sprechen, Herr Leutnant. Er und einige andere junge Männer des Dorfes haben gleich am nächsten Tag die Spur des Trolls in den Wald verfolgt.“

„Tatsächlich? Das war sehr mutig. Gut, ich will ihn heute noch treffen. Vielleicht haben sie ja etwas Nützliches herausgefunden.“ Er schaute zum Himmel hinauf. „Die Dämmerung setzt bereits ein. Gehen wir irgendwo ins Warme, ich möchte nicht schuld sein, dass unser Zauberer eine Lungenentzündung bekommt.“

Methim warf ihm einen giftigen Blick zu, aber Ben beachtete ihn nicht weiter. „Du hast gesagt, ihr stellt nachts Wachen auf?“

Alvar nickte. „Ja, sie patrouillieren vor allem hier auf den Feldern an der Westseite des Dorfes und bei den Stallungen. Wir holen die Schafe jetzt immer in die Winterställe, sobald die Sonne untergeht.“

„Kjer, teil Männer ein, um die Patrouillen zu verstärken.“

„Ja, Sir.“

„Und achte darauf, dass sie sich benehmen. Ich will, dass morgen früh jeder von ihnen ausgeschlafen und einsatzbereit ist.“

„Geht klar, Sir.“

Sie trennten sich von Joran und Kjer, die sich auf den Weg zur Dorfscheune machten, und folgten Alvar zu seinem Haus am südlichen Ende des Dorfes.

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