Ein rotes Logo mit dem Zeichen der fünf Schlüssel - Blogbeitrag von Shaya
08.04.2026

Die Geschichte, die ich euch erzählen möchte, beginnt im Jahr13.474. Ich erinnere mich noch gut daran, wir haben den Sommer auf dem Land verbracht, und ich habe meinen Bruder Calin überredet, mir in dem kleinen See hinter dem Haus das Schwimmen beizubringen, obwohl Vater es verboten hatte. Da war Calin gerade aus Baragin zurückgekehrt, wo er seine Satarausbildung absolviert hatte.

Es war das Jahr, als Marc sein Dorf verließ und in Isadoras Obhut gelangte, und Ben die Offiziersschule beendete. Ich war damals 11 und ahnte nichts von den Ereignissen, die schon bald unser aller Leben auf den Kopf stellen sollten.

Ich würde sagen, dass ich eine glückliche Kindheit hatte. Natürlich ist es mir nicht entgangen, dass sich meine Eltern wegen der politischen Entwicklungen zunehmend Sorgen gemacht haben. Seit König Morul den Thron in Calendor bestiegen hatte, hatte sich nicht nur das Verhältnis zu den Nachbarvölkern drastisch verschlechtert. Die reaktionären Kräfte gewannen nach und nach die Oberhand, das Klima für Hexen wurde rauher, und schon bald ging die Angst vor den Jägern der Zauberergilde um.

Aber ich lebte ein behütetes Leben im Schutz der Familie. Als ich kleiner war, war ich häufiger am Hof des Herzogs zu Besuch, immerhin war Meraya, die Schwester meines Vaters, die Gemahlin des Herzogs. Ich ahnte noch nichts von meinem Talent, und noch weniger ahnte ich etwas davon, was es bedeutete, und so gab es keinen Grund, besorgt zu sein.

Der Tag, an dem ich erfuhr, dass ich eine Hexe bin, war natürlich ein Schock. Immerhin lernt in Yarath jedes Kind, dass Hexen die Gespielinnen des Dämonenfürsten Sabarus sind, und ausgerottet werden müssen, bevor sie weiteres Unheil über die Menschen bringen. Zunächst wollte ich nicht glauben, was Tante Rhudina mir wenig einfühlsam eröffnete aber die Tests waren eindeutig. Meine Magie war schon damals so stark, dass die arme Rhudina einen Satz rückwärts machte, als ich die Hand in ihr Sensorfeld steckte und es fast zum explodieren brachte.

Meine Mutter lächelte tapfer, als Rhudina ihr das Ergebnis mitteilte, aber es war nicht zu übersehen, dass sie sich etwas anderes gewünscht hatte. Mein Vater hingegen nahm die Nachricht überraschend gelassen zur Kenntnis und erklärte nur, dass er mit nichts anderem gerechnet hatte. Immerhin fand jeder, dass ich meiner Urgroßmutter Arva wie aus dem Gesicht geschnitten war, und sie war, wie ich erst dann erfuhr, die wohl berüchtigtste Hexe ihrer Generation gewesen.

Rhudina sprach nicht viel über sie. Jetzt, im Nachhinein, verstehe ich besser, warum. Rhudina war nie eine besonders mutige Frau gewesen. Ich erinnere mich noch gut an ihre erste Begegnung mit Marc. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich euch vielleicht später einmal erzähle.

Jedenfalls: Rhudina lehrte mich die Grundlagen der Magie. Oder jedenfalls das, was sie darunter verstand. Ich wusste es nicht besser, ich lernte gern, ich liebte Bücher und ich war eine sehr fleißige und angepasste Schülerin, die nichts in Frage stellte. Aus heutiger Sicht kann ich nur noch den Kopf darüber schütteln, wie naiv der Hexenrat damals agierte.

Hätten wir damals schon gewusst, was auf uns zukommen würde, und uns entsprechend vorbereitet, statt uns nur in alten Büchern zu vergraben, dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Aber natürlich hatten wir keine Ahnung, was Morul wirklich im Schilde führte.

Bis zu jenem schicksalhaften Jahr  13.474 glaubte ich fest daran, in meinem Zuhause sicher zu sein, ein geruhsames Leben zu führen, und irgendwann zu heiraten, um eine neue Generation junger Hexen großzuziehen.

Dann ernannte der König Igor dan Padrash zum obersten Gildenmeister. Und Igor war ein Mann mit Charisma. Er überzeugte unseren Herzog davon, alle Hexen in Rambun aufzuspüren und ein für alle mal auszurotten.

In der Gemeinschaft der Hexen brach eine regelrechte Panik aus. Der Rat tat wenig, abgesehen davon, sich um seine eigene Sicherheit zu sorgen und gute Ratschläge zu verteilen, wie man der Entdeckung entgehen konnte.

Für mich selbst gab es letztlich nur eine Lösung: Ich musste sterben!

Alles war genau vorbereitet, die Gerüchte über die roten Pocken, meine Reise in den Norden zu einer entfernten Cousine meiner Mutter, die mich aufnehmen würde. Aber es kam anders. Die Häscher kamen früher als gedacht, und ich musste meine Familie und meine Heimatstadt Hals überKopf mitten in der Nacht verlassen.

Und so begann meine Reise ...